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WAz vom 24.06.2005, auf der Homepage seit dem 24.06.2005

Lärm und Staub verteilen sich nun anders

Zweite Straße im Ruhrgebiet für Laster teilweise gesperrt – Anwohner protestieren

Von Hubert Wolf und Jörg A. Linden

WAZ Dortmund/Essen. Wegen des Feinstaubs ist nun eine zweite Straße im Ruhrgebiet für Lkw entschlossen teilweise gesperrt. Verkehr, Lärm und Belästigung verteilen sich jetzt anders, und der Feind Staub selbst, natürlich.

Donnerstag ganz früh weiß man nicht so recht, warum dieser Essener Vorort Vogelheim heißen könnte. Es tost der Verkehr in der Hafenstraße, und Anwohner Georg Fietz glaubt, dass „bestimmt 100 Laster mehr jede Stunde“ durchfahren. Dies ist die Umleitung für alle Lkw, die zwischen 6 und 10 Uhr morgens aus dem Norden nach Essen hineinwollen; vorbei an Mietshäusern, aus deren Fenstern Bettlaken hängen: „Unsere Gesundheit ist auch wichtig“ steht darauf oder „Wir sind Menschen und kein Lärmschutzwall“.

Vorhin hatten sie einen Korso gebildet aus 45 Autos und waren gemächlich ihre Straße hinauf- und hinuntergefahren - das machte die Lkw wenigstens langsam. Jetzt steht Klaus Bruns wieder in seiner Einfahrt und sagt: „Wir lassen uns das nicht gefallen.“ Demnächst gebe es ein Grillfest mitten auf der Straße, ganz spontan, versteht sich - was man halt frühmorgens schon mal gerne macht.

Drei, vier Kilometer entfernt, an der teilgesperrten und chronisch verstopften 224 selbst, hat man keineswegs den Eindruck, irgendwas sei leiser oder leerer als sonst. Kurz hinter dem Durchfahrt-verboten-Schild stehen Polizisten und heben routiniert die Kelle. Wieder fährt ein Lkw rechts ran, steigt ein Polizist zu und hört vom Fahrer eine Geschichte. Entweder die Geschichte, dass er das Schild übersehen habe; oder die Geschichte, dass er hierhin etwas liefere; oder die Geschichte, dass das Navi-System doch darauf bestanden habe, weiterzufahren. Ja, das sind die gängigen Geschichten; und jetzt grad fährt ein Schwerlaster vorbei, den hält die Polizei nicht an. Warum denn nicht?

Weil der Parkstreifen am Polizeiposten schon ganz voll ist mit Lkw.

Am heutigen Freitag wiederholt sich das Procedere, spätestens von nächster Woche an sollen Knöllchen ausgehändigt werden.

Feinstaub-Problem nicht gelöst, nur verschoben: Das war die Argumentation der Stadt Dortmund gegen eine Straßensperrung. Doch die Drohung stand im Raum: Sperrung - oder Klage. Der Bund für Umwelt und Naturschutz und die „verbündete“ Deutsche Umwelthilfe machten Front gegen die Stadt. Und die reagierte. Das war Anfang April.

Brackeler Straße, Zufahrt zum Borsigplatz, Drehscheibe für viele Lkw auf der Durchfahrt: Ausgerechnet dort hatte Dortmund lange zuvor ein Feinstaub-Messgerät aufstellen lassen - und nicht im Grünen, wie Köln. Konsequenz: Die ungünstige, austauscharme Wetterlage der ersten Wochen des Jahres ließ die Werte hochschnellen, Ende März war der Grenzwert bereits mehr als 35-mal überschritten - die Stadt musste etwas tun . . .

. . . wollte aber eigentlich nicht. Denn: Eine Sperrung oder Teilsperrung der Straße, so ihre Argumentation, die von der Bezirksregierung unterstützt wurde, würde nur zur Verlagerung des Verkehrs und des Staubs führen. Eben: Problem nicht gelöst, nur verschoben. Doch die Klagedrohung beendete diese Phase der Nachdenklichkeit. Seit dem 22. April ist die Brackeler Straße auf einem kurzen Abschnitt für Lkw über 7,5 Tonnen gesperrt. Nur in Richtung Borsigplatz. Im August wird entschieden, so der Aktionsplan der Bezirksregierung, ob die Maßnahmen verschärft werden: Sperrung ab 3,5 Tonnen. In beide Richtungen. Oder für Fahrzeuge ohne Ruß-Filter. Der Grenzwert wurde seit der Sperrung nur noch an drei Tagen überschritten. Aber das, so das Umweltamt, liegt vermutlich an der Witterung. Thermik statt Dunstglocke.

WAZ, 24. Juni 2005


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