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WAZ vom 23.12.2005, auf der Homepage seit dem 23.12.2005

Staub-Studie im Revier beunruhigt Düsseldorf

„Wohnen an der Straße ist Gesundheitsrisiko“

Von Jürgen Polzin

Essen. Eine Feinstaub-Studie im Ruhrgebiet alarmiert die Landesregierung. Wissenschaftler sehen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Todesfällen in der Bevölkerung und der Konzentration von Staub und Stickoxiden in der Luft. Menschen, die nahe einer Hauptverkehrsstraße wohnen, hätten ein um zwei Drittel höheres Risiko, an einer Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben.

Zu diesem Ergebnis kommt die „Kohortenstudie Frauen NRW“, die noch von der rot-grünen NRW-Regierung in Auftrag gegeben wurde. Sie ist die erste europäische Untersuchung über den Langzeit-Effekt von Feinstaub auf die Gesundheit von Frauen. Dazu wurden über Jahre Daten von 4800 älteren Bürgerinnen des Ruhrgebiets gesammelt.

Die NRW-Regierung hält das Gesundheitsrisiko durch Feinstaub in den Städten für eines der drängendsten Probleme. „Ich werde das Thema zum Schwerpunkt der Umweltpolitik machen“, sagte NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) im Gespräch mit der WAZ. Er kündigte eine Ausweitung der Messungen an. „Das geht nicht ohne weitere Instrumente und Apparaturen“, sagte Uhlenberg, auch wenn „die angespannte Haushaltslage nicht viel Spielraum lässt“. Das Landesumweltamt werde als Fachbehörde weiter eine wichtige Rolle spielen.

Die Ergebnisse der Studie, die noch bis 2008 läuft, sollen am 11. Mai nächsten Jahres in Dortmund in einem Fachkongress von Wissenschaft und Politik diskutiert werden.

Tagesthema Seite 2

Neujahr ist alles wieder gut

Die EU-Grenzwerte beschäftigen in erster Linie die Statistiker. Mittlerweile haben Städte dreimal mehr Übertretungstage als erlaubt. Dabei ist das Gesundheitsrisiko bedenklich

EIN JAHR FEINSTAUB-ALARM

Von Jürgen Polzin

Essen. Papier ist geduldig. Seit Anfang des Jahres die verschärften EU-Grenzwerte in Kraft traten, wächst die Liste der Städte, die mehr als die erlaubten 35 Tage im Jahr „ Staub-Alarm“ melden. Das Umweltbundesamt nennt derzeit 41 Sünder. Nur ein kleines Beispiel: 35 Tage sind erlaubt, der Spitzenreiter - Leipzig-Mitte - liegt derzeit bei dem Dreifachen: 107 Tagen. Dahinter München, Landshuter Allee: ebenfalls 107 Tage. Dann Düsseldorf, Corneliusstraße: 83 Tage. Ein Jahr Staub-Alarm in Deutschland, wen kümmert´s?

Die Menschen in Nordrhein-Westfalen stecken mittendrin in diesem Umweltthema, das in Gestalt der EU-Richtlinie 96/62/EG wie vom Himmel fiel. Fahrverbote, vor einem Jahr noch als Blödsinn bezeichnet, sind nun Realität. Siehe Dortmund, Brackeler Straße. Siehe Essen, Gladbecker Straße. Erstmals ist auch eine Autobahn betroffen. Die Auffahrt Essen-Frillendorf der A 40 in Richtung Duisburg ist seit wenigen Wochen zumindest für den morgendlichen Berufsverkehr dicht. Ein Jahr Staub-Alarm im Ruhrgebiet, es hat Spuren hinterlassen. Doch nach Ansicht von Experten kommt das Dickste noch.

Eine Langzeituntersuchung made in NRW hat mit einer Verspätung doch das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Die frühere rot-grüne Landesregierung hatte die „ Feinstaub-Kohortenstudie Frauen NRW“ bei Prof. Erich Wichmann vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit an der Uni München in Auftrag gegeben. Rot-Grün ist mittlerweile abgewählt, Schwarz-Gelb hat sich Zeit gelassen. Nun aber hat das Landesumweltamt NRW auf seiner Internetseite (www.lua.nrw.de) Ergebnisse veröffentlicht, die in Düsseldorf für Unruhe sorgen.

Erstmals wird am Beispiel Ruhrgebiet der Beweis geführt, dass an Hauptverkehrsstraßen die Belastung durch Feinstaub und Stickoxide in der Luft die Sterblichkeit unter der Wohnbevölkerung erhöht. Genauer: Wer im Radius von 50 Metern an einer viel befahrenen Straße (mehr als 10 000 Fahrzeuge am Tag) wohnt, hat ein um zwei Drittel höheres Risiko, an einer Herz- Kreislauf- oder Atemwegserkrankung zu sterben als Personen, die 100 Meter entfernt wohnen. Steigt die Staub- und Stickoxid-Konzentration in der Luft, nimmt auch das Gesundheitsrisiko zu. Das Ruhrgebiet mit seinen typischen Straßenschluchten und der Verkehrsdichte ist damit ganz besonders betroffen.

Johannes Remmel, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Landtag, nennt die Ergebnisse der Studie erschreckend. Er fordert ein Umdenken: „Wir können doch nicht immer erst dann handeln, wenn Grenzwerte überschritten sind“, sagt er. Für ihn ist das Ruhrgebiet ein Ganzes und muss als solches auch einen umfassenden Aktionsplan gegen Feinstaub erhalten. „Es bringt doch nichts, eine Straße zu sperren. Wir brauchen weiträumige Gegenmaßnahmen“, sagt Remmel.

Die Grünen wollen nun den Druck auf die Landesregierung verstärken. Remmel fordert eine Diskussion über zusätzliche Haushaltsmittel für eine flächendeckende Staubmessung in den NRW-Problemzonen. „Wir müssen zudem die Kommunen überzeugen, die Probleme anzugehen“, sagt der Grünen-Politiker angesichts der Kritik vieler betroffener Städte, die vom Land mehr Unterstützung bei den Gegenmaßnahmen erwarten.

Auch NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) zeigt sich nachsichtig: „Das geht nicht ,par ordre du mufti´, das kann man nicht nur von oben verordnen“, sagt Uhlenberg: „Doch kein Verantwortlicher darf sich aus der Verantwortung stehlen.“

Ein Jahr Staub-Alarm im Ruhrgebiet. Mit dem Stand vom gestrigen Donnerstag hat es die Brackeler Straße in Dortmund auf 81 Überschreitungen gebracht. Die Gladbecker Straße in Essen hat die EU-Hürde 60-mal gerissen. In der Neujahrsnacht fangen alle wieder bei Null an. Das Problem aber bleibt.

WAZ, 23. Dezember 2005  


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