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taz vom 23.10.2006, auf der Homepage seit dem 23.10.2006

Saubere Luft für längeres Leben

Die EU-Umweltminister entscheiden heute über die Standards für die Luftgüte in Europa. Hunderttausende müssten nicht vorzeitig sterben, wenn der Feinstaub verringert würde

Jeder Deutsche könnte ein Jahr länger leben. Millionen Kinder müssten hierzulande nicht an Atemwegserkrankungen leiden. Allein 21.000 Deutsche pro Jahr bräuchten nicht ins Krankenhaus. 75.000 Deutsche und insgesamt 350.000 Europäer müssten nicht weiter vorzeitig sterben - pro Jahr. All dies wäre mit einer einzigen Maßnahme erreichbar: In unserer Atemluft müsste der Feinstaub verringert werden, der heute gefährlichste Luftschadstoff in Europa.

Weltweit sterben schätzungsweise zwei Millionen Menschen jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung. Um diese inakzeptable Situation zu verändern, hat das deutsche Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erst vor wenigen Tagen die ersten globalen „Luftgüte-Richtlinien“ veröffentlicht. Die eigentliche Arbeit hierzu haben 80 weltweit führende Luftexperten aus Forschung und Wissenschaft in den letzten Jahren geleistet, und sie haben sich mit vielen exakt der Fragen beschäftigt, die nun auch im Zusammenhang der neuen EU-Luftgrenzwerte sehr kontrovers diskutiert werden.

Heute werden die EU-Umweltminister über die künftigen Luftstandards in Europa entscheiden. Zur Abstimmung steht der jüngste Beschluss des Europäischen Parlaments: Er soll die Beschränkungen für Feinstaub in Europa in wichtigen Teilen lockern, da die Parlamentarier sie für übertrieben halten und große wirtschaftliche Folgen fürchten. Die Politiker begründen ihre Entscheidung unter anderem damit, dass die gesundheitsschädlichen Folgen etwa von Feinstaub nicht ausreichend nachweisbar seien. Tatsächlich sind die Möglichkeiten der Forschung, zu beweisen, wie Luftverschmutzung die menschliche Gesundheit beeinträchtigt, in den letzten Jahren stark erweitert worden.

Zum Teil kommen die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt aus Deutschland: Im Rahmen einer aktuellen Studie haben beispielsweise die renommiertesten deutschen Luftexperten in Nordrhein-Westfalen exemplarisch ermittelt, unter welchen Bedingungen Frauen Herz-Kreislauf-Erkrankungen erleiden (Epidemiology 9/2006). Das Resultat: In den durch Verkehr oder Industrieabgase stark verschmutzten Gebieten Nordrhein-Westfalens ist das Risiko für Frauen, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um rund 50 Prozent höher.

Langzeitstudien aus Nordamerika kommen zu ähnlich eindeutigen Resultaten. Die amerikanische Krebs-Gesellschaft hat zuletzt eine bahnbrechende 18-jährige Observation von über einer halben Million Menschen in verschiedenen Regionen abgeschlossen. Das Resultat: In den am meisten schadstoffbelasteten Regionen war das Risiko der Betroffenen, an Lungenkrebs oder Herz-Lungen-Leiden zu erkranken, um 15 Prozent höher.

Gleichzeitig können Wissenschaftler heute dank langfristiger Forschungen auch den umgekehrten Effekt belegen: Wird die Luft deutlich sauberer, wie beispielsweise in Dublin nach dem Verbot von Kohleöfen Anfang der 90er-Jahre oder auch jüngst in Hongkong, verbessert sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung eindeutig.

Der in Europa folgenschwerste Schadstoff ist dabei Feinstaub, in Städten vor allem vom Verkehr verursacht. Jeder hat noch in Erinnerung, wie vergangenes Jahr zahlreiche deutsche Städte den Autoverkehr an vielen Orten einschränken mussten, weil die Feinstaubgrenzwerte weit überschritten waren. Was weniger Menschen wissen: Auch 2006 haben bereits 52 deutsche Städte, den EU-Tagesgrenzwert 35-mal an ihren Messstationen überschritten - am häufigsten München (70), Dortmund (75) und Leipzig (76).

Statt die Grenzwerte zu verschärfen, erlaubt nun das Europäische Parlament mit der neuen „Richtlinie zur Luftreinhaltung“ vielen Städten, bis zu 55-mal pro Jahr - also mehr als einen Tag pro Woche - die Grenzwerte zu überschreiten. Dabei ist heute belegbar, dass auch solch kurzzeitige Tagesbelastungen mit Feinstaub weitreichende gesundheitliche Folgen wie Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und sogar Herzinfarkte auslösen können.

Langfristig ist Feinstaub noch gefährlicher und für deutlich erhöhte Sterblichkeitsraten von Kindern und Erwachsenen verantwortlich, da er zugleich Lungenerkrankungen einschließlich Krebs befördert. Dennoch soll laut Parlamentsbeschluss den Mitgliedsstaaten nun bis 2015 Zeit gelassen werden, einen neuen, äußerst moderaten Grenzwert für die besonders gefährlichen kleinen Partikel einzuhalten, der in der EU bislang überhaupt nicht reguliert wurde.

Die EU-Umweltminister müssen heute entscheiden, ob sie dem Parlament zustimmen. Welche Chancen sie damit vergeben würden, ist offenkundig: Selbst wenn die EU nur ihren bisherigen Verpflichtungen treu bliebe, die eine schrittweise Verringerung der Feinstaubbelastung vorsehen, müssten jedes Jahr 77.000 Europäer weniger vorzeitig sterben.

Eines der wichtigsten Argumente gegen eine konsequente Politik zur Reinhaltung der Luft sind die angeblichen Kosten und wirtschaftlichen Folgen. WHO-Experten haben deshalb umfassende Berechnungen angestellt, welche Investitionen notwendig und welche Einsparungen im Gesundheitswesen durch geringere Umweltschäden möglich wären. Das Resultat: Allein Deutschland würde so per Saldo jährlich mindestens 19 Milliarden Euro einsparen. In der ganzen EU beliefe sich der Betrag auf bis zu 190 Milliarden.

Natürlich müssen Regierungen ihre nationalen Standards auch ihrer Situation anpassen. Die EU droht nun aber, eindeutig gegen ihre eigene Umweltstrategie zu verstoßen, die festlegt, „dass die Luftqualität ein Niveau einhalten soll, das nicht die Gesundheit der EU-Bevölkerung signifikant beeinträchtigt“.

Um dies zu erreichen, empfehlen die führenden Luftgüte-Experten im Rahmen der neuen WHO-Richtlinie unter anderem eine Halbierung des aktuellen EU-Jahresgrenzwerts für größere Feinstaubpartikel und ein Limit von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter für die besonders gefährlichen kleinen Partikel. Dies kann erreicht werden, wenn die Regierungen einen umfassenden Ansatz verfolgen: Neue Immissionsstandards für Fahrzeuge und Verkehrsbeschränkungen in den Innenstädten gehören ebenso dazu wie den öffentlichen Nah- und Fernverkehr zu verbessern, Fußgänger, Fahrradfahrer und eine effiziente Energienutzung zu fördern und den Menschen zu helfen, von fossilen Brennstoffen auf saubere Energien umzusteigen, womit sich zugleich die Immission von klimaschädlichen Treibhausgasen deutlich vermindern würde.

Da ein erheblicher Teil der Luftschadstoffe sich über hunderte oder sogar tausende von Kilometer ausbreitet, ist solch ein gemeinsames europaweites Vorgehen dringend geboten. Denn wir wissen heute präziser denn je: Luftverschmutzung zu bekämpfen ist von überragender Bedeutung für unsere Gesundheit. Der Erfolg wäre beeindruckend - allein über 80 Millionen Deutsche könnten sich bald freuen, ein Jahr länger zu leben.

MICHAL KRZYZANOWSKI

taz Nr. 8106 vom 23.10.2006, Seite 11, 241

Kommentar MICHAL KRZYZANOWSKI, taz-Debatte

 


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