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taz NRW vom 23.07.2005, auf der Homepage seit dem 23.07.2005

Feinstäube breiten sich in der Region aus

Die giftigen Feinstäube werden in NRW ausschließlich an einzelnen Brennpunkten bekämpft. Das krank machende Luft-Problem kann so nicht gelöst werden, sagen Wissenschaftler und Umweltschützer: Es staubt schließlich überall

RUHR taz Düsseldorf, Corneliusstraße: Hier ist die ungesündeste Gegend Nordrhein-Westfalens, zumindest was die Belastung mit Feinstäuben betrifft. An 48 Tagen wurde der europäische Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Luft in diesem Jahr schon überschritten - nach 35 Tagen mit zu viel Staub können laut EU-Feinstaub-Richtlinie BürgerInnen die Stadt verklagen und so einen Sofortmaßnahmen-Katalog erstreiten.

Die Corneliusstraße wird deshalb entstaubt: Es dürfen keine Lastwagen mehr fahren, außerdem wird die Fahrbahn regelmäßig befeuchtet. Das Ergebnis: Stillstand. Ein Erfolg, findet Walter Stork, bei der Düsseldorfer Bezirksregierung zuständig für Umwelt und Verkehr. "Nur zwei Überschreitungen seit Juni, das ist doch schon ein Anfang." Auch die Prognose des Landesumweltamtes sieht die Luft in der Corneliusstraße künftig mit weniger Feinstaub belastet.

Nur: Selbst wenn hier überhaupt keine Autos fahren, gäbe es zuviel Feinstaub. "An mindestens 20 Tagen würde der Grenzwert überschritten, wahrscheinlich sogar an mehr", sagt Egon Falkenberg vom Landesumweltamt.

Überall in NRW werden die winzigen Partikel ausgestoßen, vor allem auf den vielbefahrenen Autobahnen und Bundesstraßen. "Da bleibt der Feinstaub jedoch in der Regel nicht, weil er ja nicht von Häusern aufgehalten wird", sagt Falkenberg. "Er verteilt sich in der ganzen Region." Auch mitten in der Soester Boerde gebe es deshalb eine Feinstaubbelastung von ungefähr zwanzig Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. "Wegen der großen Ballungsräume ist die regionale Belastung in Nordrhein-Westfalen generell sehr hoch", sagt Falkenberg.

Die Wissenschaftler im Landesumweltamt raten deshalb zu einer Abkehr von der bisherigen Hot-Spot-Politik. "Wir haben dort zwar Erfolge, aber ohne großflächigere Veränderung bleiben die Aktionspläne der Kommunen Sisyphusarbeit."

Die Luft verändern kann vor allem eine Kennzeichnungspflicht für schadstoffarme Fahrzeuge, sagt Dirk Jansen vom nordrhein-westfälischem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Vor den Neuwahlen wird das auf keinen Fall mehr was", sagt Jansen. "Erst dann können Dreckschleudern aus den Städten verbannt werden."

NRW brauche außerdem deutlich mehr Messstationen, als die rund 60 zur Zeit eingesetzten. "In Hambach wurden beim Kohletagebau viel zu hohe Feinstaubwerte gemessen", sagt Jansen. "Die gibt es sicher auch in Garzweiler, nur werden sie nicht gemessen." Die Umweltschützer des BUND vermuten, dass auch die Steinkohle-Überreste auf den zahlreichen Zechenbrachen und Halden im Ruhrgebiet schädliche Feinstaubpartikel in die Luft abgeben. "Wir müssen uns noch mehr auf den Feinstaub der Industrie konzentrieren", sagt Jansen. "Die neue Landesregierung muss ihr Wahlversprechen einhalten, den Kommunen bei der Feinstaub-Bekämpfung finanziell zu helfen." Über Köln beispielsweise gebe es keine zuverlässigen Feinstaub-Daten, weil es lange Zeit keine Messstation gab.

Dortmund, Brackelerstraße: Mit 46 grenzüberschreitenden Tagen ist hier der zweitschmutzigste Ort NRWs. Auch hier staubt es seit Beginn des Aktionsplans mehr. "Das liegt aber auch am Wetter", sagt Wolfgang Schoknecht vom Umweltamt.

MIRIAM BUNJES




Feinstäube

Der Staub gewinnt

Ozon? Wer denkt heute an Ozon? Dem Thema Feinstäube ereilt das selbe Schicksal wie dem Umwelt-Klassiker aus den 80ern: Die Belastung steigt, die Aufmerksamkeit sinkt. Die Liste der vergessenen Gesundheitskiller ist unendlich: Blei in der Luft, PCB auf dem Schulhof, Schadstoffe im Badefluss. Neuerdings ist auch der Feinstaub nach einer heißen Medienphase im Frühjahr wieder von der Tagesordnung.

KOMMENTAR VON ANNIKA JOERES

Seit den neuen EU-Grenzwerten ist wenig passiert, sehenden Auges haben die Städte die Gesetze übertreten. Sie bauten hier mal einen kleine Grünstreifen, beschränkten dort ein wenig das Tempo, führten kurze Fahrverbote ein. Viel zu wenig, um die Menschen vor den winzigen Partikeln zu schützen.

In den nordrhein-westfälischen Industrieregionen toben die Gifte: Menschen im Ruhrgebiet und in der Nähe des rheinischen Tagebaus leiden unter Allergien und Atembeschwerden, später vielleicht unter Krebs. Doch sobald die Diskussionen verebben, steht auch die Politik still: Wo bleiben die neuen Konzepte für besseren Busverkehr, wo bleiben die gesetzlichen Feinstaubfilter, begrünte Städte, wo die Fahrverbote und City-Mauts?

Nur dem günstigen Wetter ist es zu verdanken, dass die Werte zum Beispiel in Düsseldorf nicht ums doppelte, sondern nur ums 1,5fache überschritten wurden. Den Anti-Staub-Kampf gewinnt schon jetzt der fiese Partikel - genau wie das Ozonloch. Das war mit FCKW-freien Deos auch nicht aufzuhalten.

taz NRW vom 23. Juli 2005


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