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WAZ vom 21.08.2007, auf der Homepage seit dem 21.08.2007

Auf dem Standstreifen

Die A 40 und der Stau gehören fast unweigerlich zusammen. Nun wird die Autobahn ausgebaut und streckenweise auf sechs Spuren erweitert. Fünf Jahre soll die Baustelle bleiben

Von Hubert Wolf

Bochum. Auf der Großbaustelle ist Alexander Patzer der Mann für die Zentimeterarbeit, denn mit Zollstock und Alu-Latte arbeitet er einem Bagger immer hinterher. Der Bagger hebt am rechten Rand der A 40 Erde aus, exakte 65 Zentimeter tief; und der 33-Jährige ist vorübergehend dazu da, nachzumessen, dass es auch genau 65 Zentimeter sind. Steht in dem ausgehobenen Erdstreifen, legt die Latte auf die Straßenkante und hält den Zollstock bis auf den Grund, immer wieder. "Patzer, wie: kleiner Fehler", so hat der Asphaltbauer sich vorgestellt.

Kleine Fehler dürfen hier natürlich keinesfalls passieren.

Noch ist die Baustelle überschaubar: Zwischen den A-40-Anschlüssen Stahlhausen und Wattenscheid stehen rot-weiße Warnbaken etwas in der rechten Fahrbahn, die beiden Fahrspuren sind zur Mitte gedrückt und gelb abgeklebt. Aber: Diese Baustelle bleibt dem Ruhrgebiet, wenn man es nicht zu genau nimmt, fünf Jahre erhalten, wird nur im Herbst nochmal kurz verschwinden. Dann wird sie größer zurückkehren. Bedeutend größer.

Sie wird die Richtung wechseln, wird bis Gelsenkirchen-Süd wandern und zurück; sie wird zur Sperrung von Auf- und Abfahrten führen; sie wird den Verkehr noch viel mehr einquetschen als jetzt - und gewiss den einen oder anderen weiteren Stau verursachen auf dieser Hauptstraße des Ruhrgebiets. Fünf Jahre lang.

Frohe Fahrt dann auch!

Es ist der Ausbau der A 40, der hier begonnen hat. Die "Bochumer Lösung": Die Autobahn wird sechsspurig, und in Stahlhausen entsteht ein ganzes Autobahnkreuz. Es verknüpft die 40 mit der Stadtautobahn, die dann wohl zur A 441 aufgewertet wird - und ihrerseits am anderen Ende der Stadt angebunden an die A 44. 131 Millionen Euro soll das alles kosten und den Verkehr verflüssigen.

Unterhält man sich mit einer Fachfrau wie Elfriede Sauerwein-Braksiek, dann kann sie sehr plausibel darstellen, warum Autobahn-Baustellen so lange dauern. Sauerwein-Braksiek ist nämlich die stellvertretende Niederlassungsleiterin des Landesbetriebes "Straßen NRW" in Bochum. "Der Raum, in dem gearbeitet wird, ist halt sehr begrenzt", sagt sie. Dreieinhalb bis viereinhalb Meter schmal ist der Streifen, auf dem die Männer arbeiten können, die Bagger sich drehen, die Laster fuhrwerken; Gerät hergeschafft wird. Die Bagger dürfen nicht allzu groß sein, "sonst sind die Ausleger sofort im rollenden Verkehr"; und die Arbeiter müssen höllisch vorsichtig sein, "sonst haben sie einen Lkw-Spiegel am Kopf". Denn haarscharf neben ihnen rollt und grollt der ununterbrochene, der ewige Mahlstrom der Autos und Lkw, der Reisebusse und Gespanne.

"Sehr laut und sehr gefährlich" nennt auch Alexander Patzer seinen Arbeitsplatz. Die Bagger rangieren vorsichtig, die Lkw, die die Erde abtransportieren, müssen sich einfädeln in den rollenden Verkehr, müssen sich manchmal an einem Bagger geradezu vorbeischlängeln, falls das das richtige Wort ist - links rast ja der Mahlstrom. Schaut man sich das eine Weile an, kann man sich nur wundern, dass kein Unglück passiert.

Es sind noch Vorarbeiten: zehn Männer in roten Warnwesten, die Bagger und die Laster, Dixi-Klos und 170 Baken. Und doch werden sie nach und nach noch Radlader und Fertiger auffahren, Abstreuwagen, Ausspritzwagen . . .Denn die Logik dieser Baustelle ist: Immer in den fünf Jahren soll der Verkehr vierspurig fließen. Dazu müssen die Standstreifen mitbenutzt und verbreitert werden, doch die sind weit weniger belastbar als normale Fahrbahnen. Deshalb muss man sie auf deren Standard bringen: vier Schichten von, man ahnt es schon, zusammen 65 Zentimetern Tiefe. "Ohne diesen Ausbau würden sie den Verkehr nicht einmal ein Jahr aushalten", sagt Rolf Witte, der Projektleiter: "Dann bekämen wir eine Baustelle in der Baustelle, und das hieße: Vollsperrung."

Und was Vollsperrung bedeutet, möchte man lieber nicht wissen. 100 000 Fahrzeuge fahren hier. Jeden Tag.

WAZ, 21. August 2007


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