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WAZ Dortmund vom 21.02.2007, auf der Homepage seit dem 22.02.2007

Warten auf Diegels Strauß

Feinstaub senkt die Lebenserwartung, Feinstaub fliegt weit, Feinstaub ist nicht unser Hauptproblem: Argumente wurden bei „Verkehrsgipfel Feinstaub“ noch einmal ausgetauscht. Regierungspräsident kündigt überraschende Lösungen an

Menschen rauchen, sind zu dick und bewegen sich zu wenig: Das schade ihrer Gesundheit viel mehr als der Feinstaub in der Luft, sagt der „Bereichsleiter Verkehr und Umwelt“ für den ADAC in Westfalen, Günter Trunz - eben ein Autolobbyist.

Allein wegen der hohen Feinstaubkonzentration in Nordrhein-Westfalen, den Benelux-Staaten und Teilen Italiens sei die Lebenserwartung der Menschen dort ein Jahr geringer als im übrigen Europa, sagt Prof. Dr. Peter Bruckmann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW - eben ein Umweltlobbyist.

Beim „Verkehrsgipfel Ruhr 2007“ mit dem Schwerpunkt „Feinstaub ./. Verkehr“, zu dem der Verein „pro Ruhrgebiet“ in den Silbersaal der Westfalenhallen geladen hat, spiegeln die dazu ans Mikrofon gebetenen Redner ein breites Meinungsspektrum wider.

Die zentrale Frage des Abends lautet: Soll das gesamte Ruhrgebiet zur Umweltzone werden, wie es Ulrich Carow vom Regionalverband Ruhr (RVR) fordert? Denn „mit einem Flickenteppich von Einzelmaßnahmen werden wir die Verringerung der Feinstaubwerte nicht erreichen“, sagt er. Regierungspräsident Helmut Diegel (CDU) positioniert sich noch einmal entschieden dagegen. Auch, weil das Ruhrgebiet dadurch mit einem Stigma belegt würde. In Neukirchen habe er in einer Tageszeitung zur Idee der „Umweltzone Ruhrgebiet“ die Schlagzeile gefunden: „Der Ruhrpott soll nicht mehr stinken.“ Diegel: „Erschreckend. Schlechtreden hat das Ruhrgebiet nicht verdient.“

Man sollte „die Schutzzone nicht nur als Marketing für Schmudellzone begreifen“, hält Jan Terhoeven (SPD), Umwelt- und Verkehrsdezernent in Herne und als Stimme der Kommunen geladen, dagegen. Die Emissionen stellten die Städte „vor fast unlösbare Konflikte“, beklagt Terhoeven. Er fände es aber „nicht tragisch“, wenn sich die Diskussion um die Umweltzone Ruhrgebiet bis 2009 zieht. Ohnehin dürfe man den Menschen keine Hoffnung auf schnellen Erfolg machen: „Messbare Ergebnisse werden erst nach Jahren nachzuweisen sein.“

„Je großräumiger, desto besser“ wünscht sich Jürgen Eichel vom Verkehrsclub Deutschland („wir setzen uns auch für Fahrradfahrer ein“) die Umweltzone. Sein Vorschlag, um Altfahrzeuge nicht sofort auszusperren: Fahrerlaubnis für Autos, die zu viel Feinstaub produzieren, nur zu verkehrsarmen Zeiten. Geregelt per „9-Uhr-Ticket“, wie es Bus- und Bahnnutzer kennen.

Für Autolobbyist Trunz alles vollkommen unnötig und übertrieben. Die Feinstaub-Problematik sei ein „hausgemachtes Thema der Politik“, und ein Teil des Problems löse sich „bis 2012/2013 von ganz alleine“ - weil bis dahin, so der ADAC-Mann, die meisten Altautos von heute verschrottet sind.

Umweltamtsleiter Dr. Wilhelm Grote hat die Debatte verfolgt, empfand manche Argumente als „schräg“ (z.B. „der Feinstaub kommt aus New York“), hat „im Ergebnis nichts Neues erfahren“, aber blickt jetzt gespannt darauf, was die kommende Woche bringt. Für Montag hat die SPD zur Feinstaub-Debatte ins Rathaus eingeladen (18 Uhr), und Regierungspräsident Diegel hat für Mittwoch angekündigt, dass er Dortmund „einen bunten Strauß überraschender Vorschläge zur Lösung der Feinstaubprobleme“ überreichen wird. cm

WAZ Dortmund, 21.Februar 2007


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