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WAZ vom 20.07.2007, auf der Homepage seit dem 20.07.2007

Dicke Luft stört die Ruhe nicht

Luftreinhalte- und Aktionspläne gegen die Feinstaub-Belastung sind in Bochum nicht mehr zu vermeiden.

Doch Stadt und Bezirksregierung haben außer Gesprächsabsichten noch keine Schritte vorbereitet

Von Tom Jost

Es bedürfte eines kleinen Wunders, wenn die Feinstaub-Messstation Herner Straße nicht spätestens im Herbst den EU-Grenzwert von 35 Überlastungstagen erreichen sollte. Aktuell herrschte bereits 25-mal „dicke Luft“ und laut Gesetz ist ein Luftreinhalteplan fällig, wenn das Erreichen der Schmerzgrenze „absehbar“ wird. Doch es braucht ein großes Wunder, damit die gesundheitsgefährdende Belastung noch in diesem Jahr zu Konsequenzen führt.

Denn in Bochum läuft alles sehr gemütlich. „Wir werden uns wohl im Herbst mit der Bezirksregierung treffen“, stellt Baudezernent Dr. Ernst Kratzsch eine gesprächsweise Annäherung in Aussicht. Dass als Ergebnis die Herner Straße für schwere Lkw gesperrt werden könnte, gilt als Möglichkeit: „Aber ist das umsetzbar?“

Um zu verhindern, dass Rußwolken produzierender Verkehr über Ausweichrouten dann andere Wohngebiete zunebelt, sind seit geraumer Zeit so genannte „Umweltzonen“ im Gespräch. Der Regionalverband Ruhrgebiet würde gern das ganze Revier unter dieses Dach bringen - flächendeckend und nur mit Autobahnen als Ausnahme. Das Befahren wäre mit Schadstoff-Plaketten (grün, gelb, rot) geregelt. Aber - welch Wunder: Städte, Land und Bezirksregierungen hegen und pflegen sehr unterschiedliche Ansichten über flächige Regelungen. „Wir tun erst mal die konkrete Arbeit vor Ort“, raunzt Christoph Söbbeler als Sprecher des Regierungspräsidenten in Arnsberg.

Wie diese aussieht, erzählen Dortmunds Politiker aktuell sehr gern. Dort hat RP Helmut Diegel an der Brackeler Straße „Europas kleinste Umweltzone“ ausgerufen. Die Bezirksregierung stand unter Druck, weil nach 51 Überlastungstagen im halben Jahr Handeln nicht mehr zu vermeiden war. Der nun gemaßregelte 200-Meter-Abschnitt reizte die Redaktion der Westfälischen Rundschau zu der Bemerkung, dies sei „so ziemlich der blödeste Aktionismus, seit es Feinstaub gibt.“ Im Dortmunder Rat hagelte es Gegenstimmen - selbst von Diegels CDU. Der Luftreinhalteplan Dortmund ist noch längst nicht in Kraft, sondern hängt weiter im Verfahren: „Wann wir ihn in Kraft setzen, hängt auch von den Einwendungen und Anregungen ab“, sagt Diegels Sprecher: „Wir setzen uns in der gebotenen Sorgfalt mit allen Einwendungen auseinander.“ Zu Bochum hat Söbbeler immerhin bemerkt, da müsse die Bezirksregierung auf Handlungsbedarf eingestellt sein: „Der Vordenkprozess ist jedenfalls auf dem Schirm.“

Kommentar Seite 2

Verkehr geht ans Herz

Menschen an Hauptstraßen verkalken öfter, haben Uni-Wissenschaftler aus Essen und Düsseldorf jetzt nachgewiesen (Nixdorf-Recall-Studie). Dort steige das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall. Untersucht wurden 4800 zufällig ausgewählte Männer und Frauen zwischen 45 und 74 Jahren in Mülheim, Essen ... und in Bochum.

KOMMENTAR

Herzergreifend

NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke soll im letzten Winter geschnaubt haben, eine „Umweltzone Ruhrgebiet" mit Kfz-Einschränkungen zur Feinstaub-Reduzierung werde es „nur über meine Leiche" geben. Scheinbar wünschen alle Beteiligten dem Schadstoff-kundigen Gelsenkirchener ein langes Leben, denn die Bemühungen um ein flächiges Verdrängen (und damit Ersetzen) von Stinkern und Rußern sind auf ein homöopathisches Maß geschrumpft. Wenn's hoch kommt, steht am Ende ein Flickenteppich - mit so kleinen Sperrzonen, dass sich Nachrüstung oder Neuanschaffung von sauberen Fahrzeugen garantiert nicht mehr lohnen. Da wird ein Umzugsunternehmer auf einen Kunden im Sperrgebiet eben verzichten. Wozu die Aufregung?

Ziel der Umwelt- und Verkehrspolitik muss aber sein, die Schadstoffmengen zu reduzieren. An den Hauptstraßen wie abseits der City. Denn deren Belastungsfolgen sind - wie die neue Recall-Studie zeigt - absolut herzergreifend. Mit ihrer demonstrativen Lethargie zeigen Bochums Fachleute, dass ihnen die Gesundheit des Ministers nicht nur wichtig ist. Sondern wichtiger.      Tom Jost

WAZ, 20. Juli 2007


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