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WAZ vom 18.09.2008, auf der Homepage seit dem 18.09.2008

Unüberbrückbare Gräben

Trotzdem beteiligten sich über 100 Menschen, darunter zahlreiche Anlieger, am WAZ-Redaktionsmobil an einer fairen Debatte zur "Bochumer Lösung“

Auf eine große Resonanz stieß der Aufruf der WAZ-Redaktion, sich am Redaktionsmobil an einer offenen Diskussionsrunde zum Thema „Bochumer Lösung“ zu beteiligen. Gut 100 Menschen, darunter ein Großteil direkte Anlieger und Betroffene der geplanten Autobahn-Ausbauten, kamen am Mittwochnachmittag zur Straße Am langen Seil. Der Standort war nicht zufällig ausgewählt. Dort am Schnittpunkt von Universitätsstraße und Außenring wird nach dem Willen der Planer die sogenannte „Opel-Spange“ angebunden. Kein Wunder, dass bei vielen Anliegern die Nerven blank liegen. Und das, obwohl die größten Auseinandersetzungen bereits geführt und nun die Gerichte das letzte Wort haben. Sehr sachlich erläuterten Verkehrsplaner die Argumente und auch die Gegner vermieden jede Polemik. Dabei verwundert es kaum, dass die beiden Lager mehr denn je durch unüberbrückbare Gräben voneinander getrennt sind. Immerhin; das Redaktionsmobil bot ein Forum zur fairen Debatte, fernab einer amtlich verordneter Erörterungstagesordnung.

Berichte 4. Lokalseite

Dicht umlagert war das WAZ-Redaktionsmobil am Mittwoch. Unmittelbar neben Universitätsstraße und Außenring war das Rauschen des Verkehrs als stetes Hintergrund-Geräusch päsent. Foto: WAZ, Karl Gatzmanga

 

Erlösung oder Dauerstau?

An der geplanten Autobahnverbindung, der Querspange, scheiden sich die Geister. Planer sagen einen besseren Verkehrsfluss voraus, Anlieger sehen keine Vorteile. Diskussion in Steinkuhl

Moderation: Michael Weeke

Fotos: Karl Gatzmanga

Texte: Kirsten Simon

Gestern Nachmittag, „Am langen Seil“ in Steinkuhl. Der Treffpunkt ist gleichzeitig der Knackpunkt: Hier, mitten durch diese von Grün und Wohnhäusern dominierte Landschaft, soll die Querspange verlaufen. Eine Straße, die in Bochum schon weit vor ihrer Geburtsstunde berühmt geworden ist. Vereinfacht dargestellt gibt es zwei Meinungen: Toll, der Autobahnausbau würde den Verkehrsfluss fördern. Oder: Mist, die Anlieger leiden schon genug unter Lärm und Feinstaub. Beide Seiten trafen sich zu einem Stimmungs- und Meinungsaustausch am WAZ-Mobil.

Das Interesse am Thema ist groß, der Gesprächsbedarf auch: Etliche Anwohner aus Steinkuhl, Laer und Querenburg meldeten sich zu Wort. WAZ-Redakteur Michael Weeke (l.) führte durch die Veranstaltung

Ein Menschen bewegendes Thema: Rund einhundert Bochumer, die meisten von ihnen wohnen in der Nähe des geplanten Autobahnverbindungsstücks, fanden sich vor dem WAZ-Mobil. Darunter fünf geladene Experten: Wolfgang Czapracki-Mohnhaupt, Sprecher der Initiative gegen die DüBoDo, Susanne Schramke, betroffene Anliegerin, Elfriede Sauerwein-Braksiek, Planerin bei Straßen.NRW, Werner Kölling, Verkehrsexperte der IHK, und Dr. Philipp Ambrosius, Verkehrsplaner bei der Stadt.

„Bochumer Lösung“ - diesen Titel trägt ein Verkehrskonzept, das neben dem sechsspurigen Ausbau der A 40 unter anderem auch die Querspange mit einem Ausbau des Bochumer Rings beinhaltet. Papier ist geduldig - „die Planungen gehen bis in die 30er-Jahre zurück“, sagt Gegner Czapracki-Mohnhaupt und erinnert daran, dass eine Initiative gegen den Ausbau schon vor 30 Jahren aktiv gewesen sei. IHK-Mann Kölling erklärt, warum aus Sicht der Wirtschaft der Ausbau sinnvoll sei: „Erreichbarkeit ist wichtig. Kohle und Stahl konnten über die Schiene transportiert werden. Heute bestimmt das Dienstleistungsgewerbe die Wirtschaft und das muss beweglich sein.“

Geschwindigkeit ist das Zauberwort - und Staus ein Graus. „Die Bochumer Lösung würde das städtische Straßennetz an vielen Stellen entlasten“, sagt Stadt-Mann Ambrosius. Denn viele Autofahrer wählten wegen des Dauerstaus auf der A 40 kleine und große Straßen als Schleichwege durch das Stadtgebiet. „Wir haben nicht auf Prophet gelernt, wir stützen uns auf Prognosen“, erwidert er auf die Einwände, dass das doch keiner so genau wissen könne.

Den Anliegern geht es um Wohnqualität, deren Verlust sie befürchten. Um Lärm durch Fahrzeuge, um Luftverschmutzung durch Fahrzeuge, um den Wertverlust ihrer Wohnungen. „Wir können doch unsere Häuser nicht auf den Rücken nehmen und auf die grüne Wiese ziehen“, sagt Susanne Schramke. Wenn auch die Innenstadt entlastet würde, „wir müssen das dann ausbaden“.

Die Initiative gegen den Ausbau befürchtet ein vermehrtes Verkehrsaufkommen, wenn die Verbindung zwischen A 40 und A 44 mit einem ausgebauten Bochumer Ring eines Tages stehen wird. Ob und wann es dazu kommt, diese Frage konnte natürlich am WAZ-Redaktionsmobil nicht geklärt werden. Das ist unter anderem Sache der Richter, denn die Planung ist inzwischen vor dem Bundesverwaltungsgericht gelandet. Urteilstermin? Unbekannt.

Dicht gedrängt standen die Zuhörer und Diskussionsteilnehmer am WAZ-Mobil auf der Straße „Am langen Seil“.



Sechsspuriger Parkplatz

Stimmen, Meinungen, Statements

Friedhelm Emmerich, Anlieger: „In jedem Kaff werden Umgehungsstraßen gebaut. Aber Bochum holt den Fernverkehr herein.“

Elfriede Sauerwein-Braksiek, Straßen.NRW: „Der größte Verkehrsanteil ist nicht der überregionale Verkehr, es sind Fahrzeuge, die im Ruhrgebiet unterwegs sind.“

Dr. Philipp Ambrosius, Stadt Bochum: „Die Lärmminderung ist gesetzlich geregelt. Da gibt es viele Maßnahmen, unter anderem spezielle Straßenbeläge, den Flüsterasphalt.“

Dörte Wollenweber, Anliegerin: „Ich fürchte einen Wertverlust meiner Immobilie von 20 bis 40 Prozent.“

Thomas Kemper, Anlieger: „Wenn Unternehmen angesiedelt werden sollen, darf doch keine Wohngebiet kaputt gemacht werden.“

Wolfgang Czapracki-Mohnhaupt, Initiative: „Nach dem Bau würde der Verkehr auch nicht im Fluss sein, es würde einen sechsspurigen Parkplatz geben und der Außenring würde absaufen.“

Gerd Hofmann, Autofahrer: „Ich stehe ständig im Stau auf der A 40.Gerade in einem Stau geht sehr viel Feinstaub in die Luft, deshalb müssen Staus vermieden werden.“

Susanne Schramke, Anliegerin: „Demnächst haben wir hier nur noch Ruinen, weil keiner mehr hier einziehen möchte.“

Ulrich Sollmann, Anlieger: „Ich habe mit Opel gesprochen, die brauchen die Bochumer Lösung auch nicht.“



WAZ, 18. September 2008


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