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NDR am 15.02.2006 um 23:15 Uhr, auf der Homepage seit dem 17.02.2006

Vergessenes Thema

Das mediale Schweigen über den Feinstaub

Es war letztes Jahr zu Ostern: Deutschland versank unter einer Wolke von Feinstaub - glaubte man den Medien. Hysterisch berichteten sie über ein bis dahin kaum bekanntes Phänomen. Vom "tödlichen Dreck" und "Feinstaub-Alarm" war zu lesen, der "Spiegel" sah im "Feinstaubgespenst" die "unsichtbare Gefahr". Doch so schnell das Thema in die Medien gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Die Feinstaub-Belastung jedoch blieb: Im letzten Jahr lag sie zum Teil um ein Vielfaches über den erlaubten Grenzwerten. Zapp über das vergessene Thema Feinstaub.

Ostern letzten Jahres: Es waren diese Bilder, die plötzlich die Fernsehkanäle und die Titel der Tageszeitungen beherrschten. Die Medien entdecken eine neue Gefahr: den Feinstaub. Hunderte Artikel über dicke Luft, die Risiken für die Gesundheit und mögliche Fahrverbote. Auch der "Spiegel" erklärte das "Feinstaub-Gespenst" zur "unsichtbaren Gefahr" (04.04.2005). Manfred Redelfs, Medienwissenschaftler Uni Leipzig: "Zunächst gab es einen ganz unmittelbaren nachrichtlichen Anlass für die Berichterstattung: das war die Überschreitung der Grenzwerte, die die EU festgesetzt hatte. Das fiel zusammen mit der Möglichkeit bei diesem Thema, es auch zu regionalisieren. Also die intensive nationale Medienberichterstattung ist dann von lokalen und regionalen Medien jeweils auf ihre Ebene heruntergebrochen worden."

Schwindendes Interesse ...

Auch die "Hannoversche Allgemeine" brach das Thema Feinstaub herunter. Wie viele Regionalzeitungen berichtete das Blatt massiv, warnte vor der Erstickungsgefahr. Doch die dicke Luft in Hannover war für die Zeitung bald schon kein Thema mehr. Nach dem großen Hype: nur noch wenige Artikel zum Feinstaub. Zuletzt eine kleine Randnotiz. Das war Mitte August. Dabei wäre gerade in Hannover viel zu berichten gewesen. Etwa, dass in der Stadt am Ende letzten Jahres an 64 Tagen ein zu hoher Feinstaub-Wert gemessen wurde. Erlaubt sind laut EU-Richtlinie maximal 35 Tage. Gerd Rosenkranz, Deutsche Umwelthilfe: "Man nähert sich diesen 35 Tagen, die Berichterstattung steigt an, und der 36. Tag ist hochinteressant, der 37. Tag ist vielleicht auch noch interessant. Aber der 56. nicht mehr so. Leider." Warum der Feinstaub kaum noch ein Thema ist, obwohl sich die Situation eher verschlechtert hat, darüber staunen nicht nur die Experten. Gerd Rosenkranz: "Mich wundert das, dass man dann in einzelnen Städten ein Thema, das sich nicht verändert hat, einfach so wegdrücken kann."

... trotz guter Datenlage

Dabei genügt ein Klick auf die Homepage des Umweltbundesamts und man bekommt die aktuellen Werte aller Messstationen in Deutschland. Doch nur wenige Zeitungen nutzen offenbar diese Möglichkeit der Recherche, etwa der Berliner "Tagesspiegel" oder die "Süddeutsche Zeitung", die die Tabelle der überschrittenen Grenzwerte abdruckte (27.01.2006). Könnte eigentlich jede Zeitung machen - könnte. Gerd Rosenkranz: "Sie können auch als Lokalredakteur heute eigentlich alle Daten, die Sie brauchen, wenn Sie ein bisschen pfiffig sind, selber recherchieren. Sie brauchen nicht mal tausend Telefonate zu machen." Manfred Redelfs: "Die Medien sind hier in besonderer Weise in der Pflicht, das Thema aufzugreifen, weil es ein Verbraucherthema ist. Jeder Mensch ist potenziell von der Feinstaubbelastung betroffen, egal, ob er persönlich mit dem Auto fährt oder nicht. Das eigene Verhalten tut in diesem Fall nichts zur Sache, jeder ist betroffen."

Das Problem bleibt

Zeitungen wie der "Münchner Merkur" sind nicht die Regel. Das Blatt berichtete im letzten Jahr intensiv über Feinstaub. Und auch in diesem Jahr fragt es kritisch nach, warum München schon jetzt wieder mehr als 20 Tage über dem Grenzwert liegt - und warum die bayerischen Staatsregierung nicht entschlossen handelt. Im Gegensatz dazu: die Münchener "Abendzeitung". Sie stimmte zunächst in die allgemeine Hysterie mit ein, doch in den folgenden Monaten: nur noch selten Artikel zum Thema. Der vorerst letzte im November: "Schluss mit Feinstaub" (8.11.2005). Genau das scheint das Motto vieler Journalisten zu sein. Manfred Redelfs: "Eine journalistische Aufgabe wäre es meiner Meinung nach, jetzt nachzufragen welche Lehren denn aus der Debatte des vorigen Jahres gezogen worden sind, welche Maßnahmen denn die Städte und Kommunen konkret ergreifen werden, um eine ähnliche Feinstaubbelastung in diesem Kalenderjahr zu verhindern." Gerd Rosenkranz: "Es hat sich ja nichts geändert seit dem vergangenen Jahr. Es ist und bleibt das wichtigste und brisanteste Luftreinhalteproblem in Deutschland und ganz Mitteleuropa."

NDR, 15. Februar 2006, 23:15 Uhr

 


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