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Ruhr Nachrichten vom 16.05.2007, auf der Homepage seit dem 16.05.2007

 

Klaudia Lange an einem Fenster ihres Hauses. Hinter ihr die Lärmschutzwand, die jetzt noch näher heranrücken soll.        Fotos Grosler

 

 

Die A 40 im Vorgarten

 

Klaudia Lange leidet durch die Verbreiterung der Straße noch mehr als bislang schon

 

BOCHUM Wir fühlen uns doch jetzt schon wie im Kriimmede-Gefängnis“, klagt Klaudia Lange. Mit dem Ausbau der A40 droht das Haus in der Wibbelt-straße 34 zum Hochsicherheitstrakt zu werden.

 

Die Schlagader des Ruhrgebiets verläuft nur sechs Meter hinter ihrer Terrasse - abgeschirmt durch eine riesige Betonwand.  Mit der Erweiterung   des   Ruhrschnellwegs zwischen den Anschlussstellen Gelsenkirchen und Bochum-Stahlhausen  wird  sie noch ein Stück weiter heranrücken und auch an Höhe gewinnen - durch einen Glasaufsatz, damit wenigstens noch ein bisschen Licht in die Wohnstube fallen kann.

 

Protest-Anlieger

 

Wie Klaudia Langes Familie geht es 30 Protest-Anliegern in Wattenscheid, deren Grundstücke direkt an die A40 grenzen. Acht von ihnen, darunter die Langes, haben gegen den Planfeststel-lungsbeschluss geklagt. Das OYG Münster hat in der Hauptsache noch nicht entschieden, eine Aussetzung des Vollzugs aber abgelehnt. NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke kann deshalb heute mit dem ersten Spatenstich an der Hohensteinbrücke das knapp 200 Millionen Euro teure Projekt in Angriff nehmen. Aber auch ruhigen Gewissens? Die schon sehr alte Bürgerinitiative gegen die so genannte „DüBoDo“ hat da ihre Zweifel: „Die Bauverwaltung läuft Gefahr, sich feierlich ein Millionengrab zu schaufeln“, zürnt deren Sprecher, der Bochumer Rechtsanwalt Wolfgang Czapracki-Mohnhaupt. Insbesondere, weil noch kein aussagekräftiges Gutachten zur Feinstaubbelastung vorliegt. Es gibt an der A40 auch keine Messstation, die die Verkehrsimmissionen genau belegen kann, nur eine, die in Windrichtung Krupp-Edelstahlwerk ausgerichtet ist, woher die Schwermetallwinde wehen. Da kommt eins zum anderen.

 

 

Klaudia Lange mit ihren Kindern, die bereits krank sind.

 

 

Klaudia Lange (39} hat das selbst gespürt und mehr noch ihre Kinder: Nikolaus (11) und Tobias (8) leiden an allen denkbaren Atemwegserkrankungen. Nikolaus ging es Ostern so schlecht, den haben wir an die Nordsee geschickt.“ Er leidet aber auch unter dem Lärm: Abends kann ich kaum einschlafen, morgens werde ich viel zu früh wach“, sagt er, und die Kaninchen im Dachstuhl, glaubt der Junge, leiden auch.

 

Nun versprechen Politik und Straßenplaner, dass mit der Erweiterung der A40 ja alles besser werden soll: flüssigerer Verkehr, weniger Staus. Werner Dechardt, Sprecher der Aktionsgemeinschaft, ist da sehr skeptisch. Er glaubt vielmehr, dass der Verkehr (zurzeit bis 120000 Fahrzeuge täglich) erheblich zunehmen wird, weil Kraftfahrer, die jetzt noch Umwege in Kauf nehmen, auf die A40 zurückkehren werden. Mit der Folge, dass es mit der Verstopfung weiter geht wie bisher. Wie er ist auch Klaudia Lange von der Politik und den Behörden enttäuscht: Da würden die Sorgen der Bürger nicht ernst genommen, mit Informationen hinter dem Berg gehalten. Nur einmal haben die Langes hohen Besuch von den Planern gehabt, die dann erschrocken zugaben: So schlimm haben wir uns das nicht vorgestellt.“ Aber ihr ist auch klar: „Öffentlich würden die das nie zugeben.“

 

Schlimme Lage

 

Sie selbst hätte sich die schlimme Wohnlage, die 1938, als die Großeltern das Haus bauten, eine gute war, als Kind nicht träumen lassen. Da ist meine Oma noch mit dem Rad gefahren, meine Eltern sind mit dem Kinderwagen dort spazieren gegangen.“ Da hieß die A40 noch Westfalendamm, Bl, oder Ruhrschnellweg. Die A40 hatte viele Namen und viele Schicksale.

 

Ihrem eigenen Ungewissen Schicksal zu entrinnen, fällt den Langes schwer: Sicher, man müsste hier wegziehen“, räumt Klaudia Lange ein, vor allem, wenn man an die Kinder denkt. Aber das Haus ist doch nun mal unser Kapital. Und kaufen würde das ja doch keiner.“ Joachim Stöwer

 

 

 

Ruhr Nachrichten, 16. Mai 2007


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