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WAZ vom 13.08.2008, auf der Homepage seit dem 13.08.2008

Verblüffende Stille in Sachen „Lärm“

Mit Verspätung liegt nun eine Karte der belasteten Bochumer Bereiche vor. Sie zeigt, dass vor allem Anlieger der Autobahnen unter starkem Schalldruck leben. Mehr als 40 000 Einwohner sind insgesamt betroffen

Von Tom Jost

Um den Feinstaub - und wie man seine Belastung mindert - toben seit Jahren heftige Auseinandersetzungen. Sie gipfeln vorerst in der Umweltzone, die Bochum wie etliche Revierstädte auch zum 1. Oktober ausweisen wird. Ganz anders dagegen in Sachen „Lärm“ - wo verblüffende Stille herrscht. Noch. Denn die EU ist auch hier auf Touren gekommen und hat die Kommunen zum Aktionismus verpflichtet, um ihre Bürger zu schützen. Das war übrigens 2002, und die erste Frist ist schon längst verstrichen.

Umweltamts-Leiter Gerd Zielinsky hätte eigentlich schon zum Jahresende 2007 das so genannte „Lärmkataster“ vorlegen müssen. Pustekuchen, sagt er, denn bisher fehlte zur Vollständigkeit der spezielle Lärmpegel der Deutschen Bahn. Der ist - mit bahntypischer Verspätung - neuerdings veröffentlicht. Doch in der Zwischenzeit verstand sich auch die Software der Kommunen mit dem Kartenprogramm des Landes nicht. (Und wenn man feststellt, dass die jetzt vorliegende Bochum-Darstellung am 8. Dezember 2008 gefertigt worden sein soll, stimmt da wohl auch anderes nicht...)

Gleichwohl: Erstmals ist nun optisch und in rechnerischer Auswertung abzulesen, wie viele Bochumer unter Lärmbelastungen in ihrer Umgebung leiden, sofern sie nicht bereits ertaubt sind. Danach gilt mehr als ein Drittel der Stadtfläche als lärmbelastet -mit einem Tag-Abend-Nacht-Durchschnitt oberhalb von 55 dB(a). Ab diesem Pegel wird Lärm konkret als Belästigung empfunden. Bei mehr als 65 Dezibel gerät der Körper in Stress - 20 von Bochums 145 Quadratkilometern Fläche sind davon betroffen. Zielinsky: „60 bis 70 Dezibel sind schon ziemlich heftig.“ Es geht aber noch lauter.

Nach einer Schätzung, liegen etwa 2440 Wohnungen in einem Bereich, der vom Krach mit 70 Dezibel und mehr umtost wird. Hier wohnen mehr als 9000 Menschen. Ihre Gefahr, an hohem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Störungen oder gar einem Herzinfarkt zu erkranken, ist beträchtlich.

„Die Ergebnisse zeigen“, sagt der Verwaltungsbericht an die Ratspolitiker, „dass in Bochum die größte Lärmbelastung vom Straßenverkehr ausgeht.“ Etwa 40 000 Einwohner sind demnach dem Radau von Kfz ausgesetzt, weiteren 3500 quietschen die Bogestra-Straßenbahnen in den Ohren. Der größte Verkehrslärm entwickelt sich freilich entlang der Autobahnen: Zu beiden Seiten von A 40 und A 43 werden die Anwohner intensiv zugedröhnt. Die Industrie und ihr „Pulsschlag aus Stahl“ war früher nicht nur bei Grönemeyer auch in der Nacht   vernehmbar. Heute spielen nur noch Thyssen-Krupp an der Essener Straße und EBG an der Castroper eine nennenswerte Rolle.

Versäumt hat die Stadt mittlerweile auch die zweite Frist zur Erstellung eines Aktionsplanes. Der soll mit Bürgerbeteiligung und Versammlungen bis zum Frühjahr '09 folgen. Danach könnten die Verursacher zur Lärmminderung angehalten werden - was insbesondere bei Autofahrern schwierig erscheint. Die merkwürdige Politik-Stille setzte sich übrigens auch gestern fort: Der Wirtschaftsausschuss des Rates nahm den Lärm-Bericht der Verwaltung ohne Diskussion lediglich „zur Kenntnis“.

Deutlich zu sehen: Die größte Lärmbelastung müssen Anlieger der beiden Autobahnen ertragen.

Grafik: Lanuv http://www.umgebungslaerm-kartierung.nrw.de/laerm/viewer.htm

WAZ, 13. August 2008


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