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WAZ vvom 12.03.2008, auf der Homepage seit dem 12.03.2008

ABHOLZUNGENAN DER AUTOBAHN

Freier Blick auf die A 40

80 000 Quadratmeter Grün wurden in den letzten Wochen gefällt an der Hauptverkehrs-Trasse des Reviers

Was Anwohner und Autofahrer in ungewohnten, oft auch ungewollten Kontakt bringt

Von Hubert Wolf

Ruhrgebiet. Der Wind spielt mit der Kinderschaukel, das Planschbecken, es liegt verwaist; wintertags ist das kein Wunder, aber niemand mehr wird Schaukel oder Becken besteigen in diesem Garten - nicht der neunjährige Justin,  nicht Niklas (6) und nicht Jonas (5) noch ihr vierter Bruder, der noch einige Zeit unterwegs ist auf die Welt. Niemand mehr.

In Bochum-Wattenscheid, zehn Meter von der Autobahn. Da lag der Garten zwar schon immer, nur sie war gleichsam unsichtbar.

Garten ohne Kinder

„Die Bäume waren sehr groß, und das Grün war schön im Sommer“, sagt ihre Mutter Marlena Peter (29). Die Bäume standen zwischen Garten und A40 „als grüne Wand“, doch wenn Marlena und Carsten Peter - sie die Hausfrau, er der Kraftfahrer - jetzt aus dem Fenster ihrer Mietwohnung im ersten Stock schauen, dann sehen sie Autos und Lkw, Lkw, Autos und Autos; und jenseits der Trasse eine graue Schutzwand mit dem Graffito „Ultras Essen“ und weiteren ultra-hässlichen Sprühungen. „Ich lass' die Kinder nicht mehr in den Garten, da kann ihnen ja jetzt jeder zuschauen, der vorbeifährt“, sagt Marlena Peter.

Die Bäume wurden gefällt vor zwei Wochen, der Platz wird gebraucht für den Ausbau der A 40 auf sechs Spuren, und dagegen zählen vage romantische, deutsche Gefühle für Bäume nicht. So gefällt haben sie, auf 80 000 Quadratmetern Grün allein zwischen Gelsenkirchen und Stahlhausen: dass die A40 gar nicht mehr die A 40 ist.

Man fährt des Wegs und wundert sich, man sah die Stadt vor lauter Bäumen nicht: Stand dieser Förderturm schon immer da? Wo kommt plötzlich das rote Haus her, oder das große weiße mit dem abbröckelnden Putz? Was ist denn das bloß für ein Riesenparkplatz? Hat jemals jemand diese Werkshalle gesehen aus roten Backsteinen?

„In Stahlhausen steht kein Baum mehr“

Man kann vielleicht sagen, dass die A 40 in der Industrielandschaft angekommen ist. Wenn Sie mal neue Perspektiven haben wollen auf das Ruhrgebiet, fahren Sie die entlaubte A 40 entlang. Das gilt auch für ihre Gestalt als B 1, weiter östlich, in Dortmund, wo sie ebenfalls verbreitert wird und die Bäume fielen; oder für die Ruhrpark-Gegend, wo gefällt wurde aus pflegerischen Gründen - ziemlich rabiate Pflege übrigens, da liegen Berge Bäume, die der Landesbetrieb Straßen NRW lieber „Stangenholz“ heißt. „Wir können das nicht wie im Privatgarten jeden Herbst machen“, sagt Sprecher Bernd Meier: „Wir haben nur das Geld, das uns zur Verfügung steht. Unter gärtnerischen Ansprüchen wäre es vielleicht besser, aber die Frage ist, ob der Steuerzahler das bezahlen will.“

Ausmaß und Zeitpunkt des Abholzens sind umstritten an den Abschnitten, wo es um den Ausbau geht. Von einer „Schweinerei“ spricht Hermann Schweihs, der Vorsitzende von „Pro Grün“: „Straßen NRW geht mit den Fällungen über das Maß hinaus ins Gelände hinein.“ Pro Grün hat deshalb Anzeige erstattet, „Gemeinschädliche Sachbeschädigung“ heißt der Vorwurf. Und Friedrich Ewen, zuständig für Luftschadstoffe bei der Bürgerinitiative „Bochum gegen die DüBoDo“, kritisiert vor allem den Zeitpunkt. Es werde teilweise an Stellen gefällt, wo der Ausbau erst in Jahren erfolgt: „In Stahlhausen steht kein Baum mehr.“

Das sind Vorwürfe, die Michael Gebert nicht akzeptiert, der Leiter von Straßen NRW in Bochum. Es würden auch Bäume außerhalb der Trasse gefällt, weil Versorgungsleitungen umgelegt werden müssen: Gas, Wasser, Telematik. „Die liegen ja nicht in der Autobahn“, sagt Gebert. Aber sobald Teile sechsspurig sind, wolle man dort neu pflanzen, und nicht erst nach Abschluss aller Arbeiten: „Aber natürlich wird es irgendwann eine letzte Böschung geben, die erst nach der letzten Arbeit drankommt.“

Oh Tannenbaum!

Manche Anwohner haben aber auch Glück, oder ein gutes Gespür, wie Heinz Romberg. Auch er kann seit der Fällaktion die Autobahn sehen, wenngleich in hunderten Metern Entfernung. Der Garten- und Landschaftsbauer hat seinen Betrieb auf einem Fachwerkhof in der Nähe der Ausfahrt Gelsenkirchen, und just in der Richtung, wo er jetzt auf den Verkehr sieht - just da hatte er schon vor längerem eine Schonung Blautannen angelegt. Zufällig da, versteht sich. Die Tannen sind noch klein, wollen aber hoch hinaus: „Die sind eigentlich für den Verkauf bestimmt“, sagt Romberg, „aber jetzt werde ich wohl einige stehen lassen“.

 

Bochumer Lösung

Die vom damaligen Ministerpräsidenten Clement so benannte „Bochumer Lösung“ besteht aus mehreren Teilen: Dem Ausbau der A 40 zwischen Gelsenkirchen-Süd und Bochum-Stahlhausen auf sechs Spuren. Einem Autobahnkreuz („Westkreuz“) in Stahlhausen, das die A 40 verknüpft mit der Stadtautobahn, der künftigen A 441. Sowie der „Querspange“, womit dieselbe Stadtautobahn im Osten auch noch an die A 44 angebunden wird. Mitglieder der Initiative „Bochum gegen die DüBoDo“ klagen gegen das Westkreuz, Klagen gegen die Querspange haben sie angekündigt.

WAZ, 12. März 2008


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