zurück zur Pressearchiv-Seite
 zurück zur Aktuell-Seite

als PDF-Dokument herunterladen

WELT.de vom 08.08.2006, auf der Homepage seit dem 08.08.2006

Dicke Luft

Deutschland droht Luft-Qualitätsziele zu verpassen

Chef des Umweltbundesamtes schlägt Alarm - Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffoxide werden überschritten.

Von Carsten Fiedler

Berlin - Deutschland läuft nach Angaben des Umweltbundesamtes Gefahr, seine Vorreiterrolle bei der Luftreinhaltung in Europa zu verlieren. Seit Anfang 2000 habe sich die Luftqualität nicht weiter verbessert. Zudem würden die EU-weit festgelegten Grenz- und Zielwerte für Feinstaub, Stickstoffoxide und Ozon nach wie vor überschritten. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass Deutschland, wie eine ganze Reihe anderer EU-Mitgliedsstaaten auch, die vereinbarten Luftqualitätsziele auch 2010 nicht erreichen wird", sagte der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Andreas Troge, der WELT.

Keinesfalls dürften Schwierigkeiten, die Grenzwerte einzuhalten, zu deren Abschwächung führen, warnte das UBA. Die derzeit diskutierte Erhöhung der zulässigen Überschreitungstage beim Feinstaub von 35 auf 55 Tage, wie sie zuletzt auch vom Umweltausschuss des Europäischen Parlaments vorgeschlagen wurde, sei nicht akzeptabel. "Wir verbessern unsere Luft nicht, indem wir Grenzwerte an gemessene Konzentrationen anpassen oder Messverfahren ändern", sagte Troge. Stattdessen stünden die EU, Länder und Bund, aber auch Städte und Kommunen in der Pflicht, ihre Pläne zur Minderung der Feinstaubkonzentration endlich konsequent umzusetzen. Hierzu gehörten auf lokaler Ebene etwa begrenzte Fahrverbote für alte, schadstoffreiche Fahrzeuge und verbesserte Angebote im öffentlichen Nahverkehr. Zudem müssten sich Bund und Länder endlich über die Finanzierung der Partikelfilternachrüstung von Dieselfahrzeugen einigen.

Ausdrücklich weist das UBA darauf hin, dass auch die bisherigen Maßnahmen zur Beschränkung der Stickstoffoxid-Emissionen nicht ausreichen. Ähnlich wie beim Feinstaub sollen von 2010 an auch für Stickstoffoxide EU-weite Grenzwerte gelten. "Nach den bisherigen Emissionstrends ist nicht damit zu rechnen, dass Deutschland diese Grenzwerte einhalten wird", sagte UBA-Sprecher Martin Ittershagen. Derzeit würde der vorgesehene Jahresgrenzwert an fast jeder fünften deutschen Messstelle überschritten: "Wir laufen Gefahr, in die gleiche Falle wie beim Feinstaub zu tappen."

Der geplante mittlere Jahresgrenzwert bei den Stickstoffoxiden soll von 2010 an EU-weit bei 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft liegen. Stickstoffoxide sind vor allem eine direkte Folge des zunehmenden Straßenverkehrs. In Karlsruhe etwa macht der Straßenverkehr im Bereich der stark befahrenen Reinhold-Frank-Straße zwischen 70 und 80 Prozent der gemessenen NO2-Werte aus, heißt es im Luftreinhalteplan des Regierungspräsidiums. Seit 1996 liegt der NO2-Mittelwert bei 60 Mikrogramm pro Kubikmeter, also 50 Prozent über dem ab 2010 geltenden EU-Grenzwert. Ähnliche Daten wurden auch in Berlin, Stuttgart und im Ruhrgebiet erhoben. Weil die Zahl der Dieselfahrzeuge auf Europas Straßen konstant zunimmt, ist zu befürchten, dass der NO2-Gehalt in der Luft bis 2010 sogar noch weiter steigen wird. Benzinmotoren gelten dagegen nicht als Stickstoffdioxid-Schleudern, da die herkömmlichen Drei-Wege-Katalysatoren das Gas in gewöhnlichen Stickstoff umwandeln.

WELT.de, 8. August 2006


 zum Seitenanfang
 zurück zur Pressearchiv-Seite