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WAZ vom 07.04.2009, auf der Homepage seit dem 07.04.2009

Kommt die große Umweltzone?


Die Ruhrgebietsstädte finden keine Antwort auf ihre Verkehrsprobleme. Bei den Autoabgasen läuft nun die Zeit ab

Jürgen Polzin und Martin Tochtrop

Essen. Wohl in kaum einem anderen Ballungsraum Europas wird so akribisch gemessen, wie es um Umwelt und Gesundheit der Menschen steht. Doch was man auch anstellt: Das Ruhrgebiet mit seinen fünf Millionen Menschen findet keine Lösung für Verkehrsprobleme und Autoabgase. Eine neue Debatte erreicht die Innenstädte: Nach den Feinstaub-Grenzwerten treten in wenigen Monaten EU-Regelungen für Stickstoffdioxid in Kraft. Und wieder weiß man keine Antwort.

An 57 von 108 Messstationen im Land haben die Experten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) Werte jenseits der EU-Vorgaben festgestellt. Ab dem 1. Januar kommenden Jahres gelten die neuen Regelen für den Schadstoff, der in den Straßenschluchten des Reviers aus den Auspuffen der Fahrzeuge entweicht. Das Problem: Die Stickoxid-Belastung bleibt trotz aller Gegenmaßnahmen inklusive Umweltzonen konstant hoch.

In der Auswertung der Messdaten 2008, die das Lanuv am Montag veröffentlichte, vermelden die Experten eine leichte Besserung des Feinstaub-Problems. Erstmals seien rund um die Stahlwerke im Duisburger Norden sowie an den Stationen im Braunkohlerevier die EU-Vorgaben eingehalten worden, heißt es in der offiziellen Mitteilung. In den Zentren der Ruhrgebietsstädte sieht das anders aus. Gerade erst hat der April begonnen, da wurde an der Gladbecker Straße in Essen schon an 26 Tagen der Feinstaub-Grenzwert überschritten. 35 dürfen es pro Jahr sein.

Beim Feinstaub konnten sich Experten, Wirtschaftsverbände und Ministerium noch über Quellen und Ursachen streiten. „Tatsächlich spielt bei der aktuellen Verbesserung beim Feinstaub das Wetter eine Rolle”, sagt Peter Bruckmann, Abteilungsleiter Luftqualität im Lanuv. „Welche das genau ist, berechnen wir derzeit”. Bei den Stickoxiden aber steht fest: „Die kommen aus dem Auspuff”, sagt Werner Kühlkamp, Verkehrsexperte der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammern.

In den kommenden Monaten wird sich nun entscheiden, ob die Umweltauflagen für den Verkehr im Ruhrgebiet verschärft werden. Konkret heißt das: 2010 könnten die verstreuten Umweltzonen ausgeweitet werden. Möglich ist, dass dann auch Fahrzeuge mit der roten und auch gelben Plakette an den Problempunkten mit Fahrverboten rechnen müssen.

Für die Wirtschaft, die im vergangenen Jahr eine zusammenhängende Umweltzone im Revier erfolgreich torpediert hatte, ist das ein Graus: „In Zeiten der Wirtschaftskrise kann sich der Staat derartige Maßnahmen nicht leisten”, warnt IHK-Experte Kühlkamp. Er warnt vor voreiligen Entschlüssen: „Stickoxide werden überwiegend von Lkw verursacht. 2009 aber wird aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der Güterverkehr abnehmen.”

In Bonn und Düsseldorf sei es beispielsweise seit 2005 bekannt, dass die Stickoxid-Belastung an einigen Straßen zu hoch ist, kritisiert Werner Reh, Verkehrsexperte beim Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin. „Ich sehe keinen Verschiebungsgrund für die zweite Stufe bei den Umweltzonen, der seriös wäre.” Der BUND hat eine Antwort auf die dicke Luft im Revier – dieselbe Regelung wie für Berlin: Es zählt ab 2010 nur noch die grüne Plakette.

WAZ, 7. April 2009


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