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WAZ vom 02.08.2007, auf der Homepage seit dem 21.08.2007

Dunkelrote Zone

Familie Lange wohnt dort, wo die Feinstaubbelastung an der A 40 am größten ist - und ärgert sich über die Ignoranz der Politik

Von Annette Wenzig 

Das Schlimmste, das ist nicht der Lärm Tag und Nacht. Auch nicht die Schallschutzmauer, die dem winzigen Garten hinterm Haus das Licht nimmt. Das Schlimmste, das kann man nicht sehen. Aber es hat die schwer wiegendsten Auswirkungen: Es hat die Familie Lange krank gemacht. Das Schlimmste, das ist der Feinstaub.

"Wir haben hier so ziemlich alles an Dreck, was es gibt", sagt Vater Rainer Lange (47), "die Autobahn und Thyssen Krupp." Die Autobahn beginnt knapp acht Meter hinter dem Haus an der Wibbeltstraße. Auf einer Abbildung in einer Studie des Landesumweltamtes ist der Bereich dunkelrot eingezeichnet. Dunkelrot bedeutet: höchste Immissionsbelastung mit Feinstaub.

Familie Lange spürt das auch ohne Messung: "Es kratzt im Hals und brennt", sagt Mutter Klaudia, die dort an der A 40 aufgewachsen ist. "Ich war als Kind nur krank." Die 39-Jährige leidet an einer chronischen Nebenhöhlenentzündung, jetzt kam die Diagnose "Asthma bronchiale" hinzu. "Umweltbedingt hat der Arzt gesagt", betont sie.

Ihre Kinder, Nikolas (11) und Tobias (7), zeigen die gleichen Symptome. "Tobi hatte schon mit vier Monaten eine Lungenentzündung und dauernd Mittelohrentzündungen. Aber am Schlimmsten hat es den Großen erwischt: Er ist körperlich überhaupt nicht belastbar." Auch Nikolas leidet unter Asthma, strengt sich beim Sport zwar sehr an, kann aber nicht mit den anderen Jungen mithalten. "Dass es an der Luft liegt, merken wir immer im Urlaub an der Nordsee", sagt seine Mutter, "dort kann er problemlos toben."

Den Gedanken wegzuziehen haben Rainer und Klaudia Lange schon gehabt. "Wir haben versucht, das Haus zu verkaufen, aber es scheitert an der Wohnlage." Zu viele Abstriche müssten sie finanziell machen. "Das Haus ist doch unser Kapital", sagt Klaudia Lange. Also bleiben die Langes und kämpfen: für eine Tunnellösung. Und ärgern sich: über die Ignoranz der Politik. "Egal, an wen wir uns wenden - wir treffen auf die drei weisen Affen."

Beim ersten Spatenstich für den Ausbau der A 40, da hat sich Klaudia Lange unter die Journalisten gemischt und Verkehrsminister Wittke angesprochen. "Der WDR hat seine Kameras draufgehalten - ohne das hätte er mich wohl einfach stehen lassen", ist sie überzeugt. Auf ihre Klage, die Standards für den Gesundheitsschutz der Anwohner reichten nicht aus, habe der Minister ihr widersprochen: Es werde alles getan, und wenn der Verkehr erst einmal fließe, würde sie auch weniger Unannehmlichkeiten haben. "Dann wird´s angeblich leiser und die Luft besser."

Glauben können die Langes solche Versprechen schon lange nicht mehr. "Warum haben wir hier eigentlich keine Mess-Station", fragt Rainer Lange und gibt sich die Antwort gleich selbst: "Weil sie die Grenzwerte niemals einhalten könnten." An der Mess-Station an der B 51 in Riemke seien die Grenzwerte in diesem Jahr schon an 25 Tagen überschritten worden, "und da fährt nachts kein Lkw".

Über die Idee, die A 40 im Kulturhauptstadt-Jahr zur Kulturautobahn zu machen, können Langes nur den Kopf schütteln. "Das Geld könnte man doch besser in die Gesundheit der Anwohner investieren", sagt Klaudia Lange. Und sie weiß auch wie: "Da könnten sich doch Stadt, Land und Sponsoren aus Auto- und Stahlindustrie zusammen tun: für einen künstlerisch gestalteten Mercedes-Krupp-Tunnel."

WAZ, 2. August 2007


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