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WZ vom 23.01.2010, auf der Homepage seit dem 23.01.2010

Armut schlägt auf die Lunge

Umweltmediziner: Sozial schwächere Menschen sind höheren Umweltbelastungen ausgesetzt. Besonders Kinder leiden unter Feinstaub von Fabriken und Autos sowie Tabakqualm rauchender Eltern

Christopher Onkelbach

Armut macht krank. Seit langem ist bekannt, dass die Gesundheit von Menschen mit „geringerem Sozialstatus“ - wie es Wissenschaftler möglichst wertneutral ausdrücken - labiler ist als die von Menschen mit einem „höheren sozialen Status“. Die Gründe dafür sind unklar. Sind es ungesunde Lebensgewohnheiten wie schlechte Ernährung oder Bewegungsmangel, oder sind ärmere Menschen Umweltbelastungen grundsätzlich stärker ausgesetzt?

Für diese Annahme spricht eine Studie von Bochumer und Essener Umweltmedizinern, die erstmals die Umweltbelastungen im Ruhrgebiet mit dem sozialen Status der Menschen in Beziehung setzt. Die Resultate stützen die These, dass die Belastung für ärmere Familien höher ist. Und da in schlechter gestellten Stadtvierteln deutlich mehr Kinder leben, sind vor allem sie es, die von der schlechten Luft betroffen sind. Michael Wilhelm, Professor an der Ruhr-Universität Bochum: „Betrachten wir die Lungenfunktion, stimmt es tatsächlich: Armut macht krank. Je höher der Bildungsstatus der Eltern ist, desto besser werden auch die Testergebnisse.“ Kurzum: Wer Geld hat, wohnt im Grünen, atmet bessere Luft und lebt insgesamt gesünder. Wer arm ist, muss mit Lärm, Ruß und Staub leben.

»Je höher der Bildungsstatus, desto besser die Ergebnisse«

Grundlage der Untersuchung war die bekannte „Hot- Spot-Studie“, die Prof. Wilhelm und seine Mitarbeiter im Auftrag des NRW-Umweltministeriums erstellten. Sie pickten sich für ihre Messungen drei Standorte in NRW heraus, wo die Grenzwerte für Luftschadstoffe überschritten wurden: Den Dortmunder Stadtteil Hörde in direkter Nachbarschaft .zum nunmehr stillgelegten Stahlwerk Phoenix-Ost, Bruckhausen in Duisburg mit dem Werk von Thyssen-Krupp sowie den Duisburger Süden, Standort der Metallhütte - alles „Hot Spots“ der Belastung also. Als Vergleich diente die Stadt Borken, wo Schwerindustrie fehlt.

Die Messungen zeigten, dass sich die Luftverschmutzung nicht, wie man annehmen könnte, gleichmäßig über das Viertel verteilt. Vielmehr kann die Konzentration der Schadstoffe von Block zu Block stark schwanken. Allein in Bruckhausen lagen die Werte von Staub in der Luft zwischen weniger als 50 Mikrogramm und über 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Zwischen den Messpunkten für diese Extremwerte lagen oft nur einige Hundert Meter. Prof. Wilhelm: „Das hängt auch von der Windrichtung, dem Straßenverlauf und dem Wetter ab.“

Dr. Barbara Hoffmann vom Essener Uniklinikum analysierte nun diese umfangreiche Datensammlung mit Blick auf den sozialen Status der dort lebenden Menschen. Wie wirkt sich die Belastung aus? Um diese Frage zu klären, untersuchten die Forscher insgesamt knapp 1000 Vorschulkinder aus den ausgewählten Stadtvierteln: Allergie- und Lungenfunktionstests, Blut- und Urinproben. Dies geschah zum Vergleich auch in Borken. Die Daten setzten sie in Beziehung zu den zugleich ermittelten Angaben zum Sozialstatus der Kinder. Es zeigte sich, dass tatsächlich Kinder aus Familien, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstand haben, arbeitslos oder arm sind, in höherem Maße Luftverschmutzungen ausgesetzt sind und in „ungünstigeren“ Wohnverhältnissen leben.

»Wer es sich leisten kann, zieht weg«

Die Studie sei ein klarer Beleg für die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub, meint Wilhelm. Zwar sei die Belastung in den vergangenen Jahren leicht gesunken, doch könne noch mehr getan werden: „Dieselruß ist ein wesentlicher Bestandteil von Feinstaub“, so Wilhelm. Rußfilter für Dieselautos seien aber immer noch nicht Vorschrift.

Was die Studie zudem ans Licht brachte: Eine wesentliche Belastung der Kinder in den ärmeren Vierteln ist der Zigarettenqualm ihrer rauchenden Eltern. So seien nur 22 Prozent der Kinder von Eltern mit Universitätsabschluss dem schädlichen Rauch ausgesetzt. Bei Eltern ohne Berufsausbildung müssen 66 Prozent der Kinder den Qualm schlucken, erklärt der Umweltmediziner. „Das ist eine klare Aufforderung an die Gesundheitspolitik, mehr für die Prävention in dieser Bevölkerungsgruppe zu tun.“ Ein Vorschlag: Hausärzte sollten das Thema verstärkt zur Sprache bringen - und dafür honoriert werden.

Wer bessere Luft will hat also zwei Möglichkeiten: „Wegziehen - wenn man es sich leisten kann“, sagt Wilhelm. Oder das Rauchen lassen.

WAZ, 23. Januar 2010


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