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Ruhr Nachrichten vom 09.05.2003, auf der Homepage seit dem 09.05.2003

Die Stille wird immer seltener

Lärm ist ein unterschätztes Problem in Deutschland / Experten schlagen Alarm

In Deutschland ist es zu laut. Vor allem in städtischen Wohngebieten leiden viele Bewohner täglich unter Dauerlärm. „Über zwölf Millionen Menschen sind am Tage einer Belastung von über 75 Dezibel ausgesetzt", sagt Ludger Visse, Geschäftsführer beim Deutschen Arbeitsring für Lärmbekämpfung (DAL). Das sei fast jeder Sechste in Deutschland. In „verlärmten Wohngebieten" könnten sich die Menschen nicht richtig erholen, und Kinder von dort schnitten in der Schule schlechter ab, sagt Visse.

Ingenieur Wolfgang Babisch, Lärmwirkungsforscher beim Umweltbundesamt, nennt die Ergebnisse der jüngsten Umfrage zur Lärmbelästigung: „Sehr oder extrem belästigt fühlt sich vom Straßenverkehr fast jeder fünfte Befragte (18 Prozent)." Mit weitem Abstand folgt der Ärger über den Lärm beim Nachbarn - angefangen vom zu lauten Fernseher über den Rasenmäher bis zur Stereoanlage und den bellenden Hund. 5,7 Prozent fühlten sich durch Fluglärm gestört, dicht gefolgt vom Schienenverkehr (4,8 Prozent) sowie Industrie und Gewerbe (4,4 Prozent).

Dauerhafter Stress

„Dieser ständige Umgebungslärm verursacht zwar keine Gehörschäden, dafür aber dauerhaften Stress, der sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken kann", zitiert Babisch die Ergebnisse einer Studie, die kürzlich in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut vorgestellt wurde. Der Studie zufolge hatten Menschen, die nachts vor ihrem Schlafzimmerfenster einen mittleren Schallpegel von 55 Dezibel oder mehr hatten, ein fast doppelt so hohes Risiko, wegen Bluthochdrucks medizinisch behandelt zu werden, als Personen mit einem Pegel unter 50 Dezibel. Ingesamt war das Risiko für alle Personen höher, wenn sie bei offenem Fenster schliefen.

Abhilfe könnten die bei der Umsetzung der EU-Umgebungslärmrichtlinie geplanten Lärmkarten schaffen. „Mit diesen speziellen Landkarten, die für einige Orte als Pilotprojekt schon existieren, sollen für alle Regionen Deutschlands die Lärmpegel anschaulich dargestellt werden", sagt Babisch.

Auch Rainer Guski, Lärmwirkungsforscher an der Ruhr-Universität Bochum, sieht Handlungsbedarf. Deutschland sei bei der Lärmbekämpfung europaweit ins Hintertreffen geraten: „Wir sind schon lange keine Musterschüler mehr. Das beste Beispiel dafür ist die längst überfällige Novelle des Fluglärmgesetzes aus dem Jahr 1971", kritisiert Guski.

Weniger laut

Guski zufolge hat sich insgesamt die Art der Lärmbelastung verschoben: "Früher waren Autos und Flugzeuge als einzelne Lärmquellen bedeutend lauter." Der technische Fortschritt im Zusammenspiel mit den mehrfach verschärften Grenzwerten aus den Technischen Anleitungen zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) hätten vieles zum Besseren gewendet. Aber: "Die Zahl der Autos und Flüge hat gleichzeitig enorm zugenommen." Die Folge: "Es gibt immer weniger Pausen, in denen wir nicht irgendwelchem Lärm ausgesetzt sind", sagt Guski. Oder anders ausgedrückt: Der Lärm in Deutschland ist nicht mehr ganz so laut wie früher, aber er hält länger an. ddp

www.laermkarten.de                 www.dalaerm.de

Ruhr Nachrichten, 9. Mai 2003

 

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